EXPERTISE | STEFAN DENNENMOSER

Stefan Dennenmoser 1200X800

"Erste Studienergebnisse legen nahe, dass der Einsatz der Rollen nicht nur den Stoffwechsel anregt, sondern auch sportliche Leistung fördern kann. Allerdings tritt diese Wirkung vor allem beim zügigen Rollen ein. Denn das Zeitlupentempo führt zur Detonisierung der Myofaszien – und könnte sich dann auf schnellkräftige Leistungen genauso kontraproduktiv auswirken wie eine Stretchingeinheit vor dem Sport. Die damit gewonnene Beweglichkeit kann die erste Viertelstunde nicht in Leistung umgesetzt werden.

Beim schnellen Rollen finden wir dagegen eine Tonuserhöhung, gepaart mit einer subjektiv verbesserten Körperwahrnehmung (Propriozeption) und einer Mehrdurchblutung im bearbeiteten Gewebe. Diese drei Faktoren tragen wohl dazu bei, dass viele Sportler kurz vor dem Einsatz auf dem Platz oder dem Spielfeld noch einige Körperstrukturen schnell und mit einigen Wiederholungen über die Rolle sausen lassen."

  • seit 2012 Doktorand im Rahmen des Faszienforschungsprojekts an der Uni Ulm
  • 2010 Start des Fascial-Fitness-Projekts mit Dr. Robert Schleip
  • Certified Advanced Rolfer™ und Rolf Movement® Practitioner
  • Bewegungs-/Gesundheits-Kurse und -Seminare
  • Lehrtätigkeit an der Physio-Schule FN
  • Ausbildung zum Gyrotonic- und Gyrokinesis-Trainer
  • seit 1995 eigene Praxis in Ravensburg und Ulm
  • Sporttherapeut und Rolfing-Ausbildung
  • bis 1993 Studium der Sportwissenschaft an der TU München

IM INTERVIEW ZUM THEMA. "SO WIRKT FASZIENTRAINING."


Das Faszientraining und das Rollentraining sind seit einiger Zeit sehr beliebt in der Fitness- und Gesundheitsbranche. Stefan Dennenmoser arbeitet als Doktorand im Rahmen des Faszienforschungsprojekts von Dr. Robert Schleip an der Universität Ulm und erklärt, wie sich die Produkte der Firma BLACKROLL® einsetzen lassen und wie das Training wirkt.

Wie kommt es, dass sich das Bindegewebe mit einem Schwamm vergleichen lässt, aus dem man das Wasser presst? Zwei Drittel der Körpermasse bestehen aus Wasser, wovon etwa ein Drittel extrazellulär größtenteils elektrostatisch in den Faszien gespeichert ist. Die jeweiligen Bindungsstellen werden mit zunehmendem Alter, schlechter Ernährung, bei zu wenig Bewegung und zu viel Stress von Radikalen belegt, die damit eine Wasserbindung behindern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Wassergehalt des alternden oder bewegungsarmen Menschen ständig abnimmt.

Laborversuche haben ergeben, dass ein Wasseraustausch durch Bewegung, Stretching oder das Rollentraining diese Bindungsstellen wieder freilegen kann. Wahrscheinlich werden die Radikale von ihren Bindungsstellen weggeschwemmt – das ist vergleichbar mit einem Schwamm, der durch mehrfaches Auspressen gereinigt wird.

Wie lange hält die Wirkung an? Der Effekt einer erhöhten Wasserbindungsfähigkeit ist für Stunden nach der Selbstbehandlung nachweisbar und hat nach etwa drei Stunden eine Art Superkompensationseffekt. Neben einer größeren Gewebeelastizität bewirkt die verbesserte Wasserbindung wahrscheinlich auch eine verbesserte Gleitfähigkeit der Faszien.

Wie kommt es, dass beim BLACKROLL® -Training mehr Wasser gebunden wird? Das hängt mit dem Hyaluronan Hyaluron zusammen. Denn durch den mechanischen Druck produzieren die Bindegewebszellen (Fibrozyten) offenbar mehr Hyaluronan. Es gehört zu den Glykosaminoglykanen, die notwendig sind, um die Wassermoleküle zu binden.

Mehr Hyaluronan bedeutet mehr Wasserbindung. Man kennt diese Idee aus der Kosmetik, wenn Falten unterspritzt werden, und aus der Orthopädie, wenn Knorpel mittels HyaluronIinjektionen mit Hyaluronan „aufgebaut“ werden sollen.

Wie verändern sich die Kollagenfasern beim Training mit den Rollen und Bällen? Damit sprechen Sie den dritten nachgewiesenen Effekt an. Die Kollagenfasern haben nämlich in Ruhe und bei Immobilisation die Eigenschaft, zu verkleben und mittelfristig chaotisch zu verfilzen, also ungute Cross-Links zu bilden. Man könnte sagen, das überschüssige Kollagen lagert sich ungeordnet zwischen bestehenden Fasern an und stört die funktionelle Ordnung.

Durch den Druck und den Wasserfluss beim Faszienrollen sollen nun einerseits vermehrt kollagenabbauende Enzyme (Kollagenasen, MMP-1) produziert, und andererseits weniger Kollagen-aufbauende Faktoren (TGF-ß1, Prokollagen) ausgeschüttet werden. Nachgewiesen ist das erst im Reagenzglas, deswegen muss man sehr vorsichtig sein, wenn man das direkt auf den lebenden Menschen übertragen will.

Welche Rolle spielt die Durchblutung beim Rollentraining? Das ist der vierte Aspekt: Beim Rollen produziert der Körper mehr Stickoxid, was über eine Gefäßweitstellung die lokale Durchblutung steigert, die Regeneration auch auf Stoffwechselebene verbessert. Damit ist man leistungsfähiger und erholt sich besser.

Warum kann man mit dem Rollentraining keine Symptome behandeln? Man kann durchaus symptombezogen arbeiten und genau dort rollen, wo der Schmerz sitzt. Oftmals sind jedoch die Schmerzursache und die aktuelle Schmerzlokalisation nicht identisch. Wenn man dann ausschließlich den Schmerz behandelt, kann das zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik führen. Besser ist es dann, gemeinsam mit einem kompetenten Therapeuten nach den ursächlichen (Ver-)Spannungsmustern zu suchen und systemisch intelligenter zu behandeln.

Kann man mit dem BLACKROLL® -Training die manuelle Therapie ersetzen? Darüber wird in Fachkreisen immer wieder diskutiert. Eine spezifische, gezielte manuelle Therapie kann durch das Selber-Rollen nicht ersetzt werden, weil man u.a. über die Rolle kaum keine Scherkräfte erzeugen kann. Die erwähnten Faktoren können aber zum Lösen und zur Neuorganisation der Kollagenstruktur beitragen. Eine regelmäßige Anwendung, am besten in Verbindung mit sportlicher Bewegung, kann wahrscheinlich manchen Beschwerden vorbeugen.

Warum lässt sich die sportliche Leistung durch das Rollentraining steigern? Erste Studienergebnisse zeigen, dass der Einsatz der Rollen nicht nur den Stoffwechsel anregt, sondern auch sportliche Leistung fördern kann. Allerdings tritt diese Wirkung vor allem beim zügigen Rollen ein. Denn das Zeitlupentempo führt zur Detonisierung der Myofaszien – und könnte sich dann auf schnellkräftige Leistungen genauso kontraproduktiv auswirken wie eine Stretchingeinheit vor dem Sport. Die damit gewonnene Beweglichkeit kann die erste Viertelstunde nicht in Leistung umgesetzt werden.

Beim schnellen Rollen finden wir dagegen eine Tonuserhöhung, gepaart mit einer subjektiv verbesserten Körperwahrnehmung (Propriozeption) und einer Mehrdurchblutung im bearbeiteten Gewebe. Diese drei Faktoren tragen wohl dazu bei, dass viele Sportler kurz vor dem Einsatz auf dem Platz oder dem Spielfeld noch einige Körperstrukturen schnell und mit einigen Wiederholungen über die Rolle sausen lassen.

Warum ist das BLACKROLL® -Training schmerzhaft? Das am ehesten spürbare Merkmal des Druckschmerzes ist wissenschaftlich noch am wenigsten untersucht. Die bisherigen Erkenntnisse lassen jedoch annehmen, dass eine Neuregulierung innerhalb der Schmerzverarbeitung stattfindet.

Dabei werden die absteigenden, schmerzhemmenden Bahnen der übergeordneten Hirnareale angesprochen, welche die Weiterleitung des Schmerzes unterdrücken. Noch nicht geklärt ist, warum das Schmerzempfinden beim Faszienrollen relativ schnell nachlässt und warum Sportler weniger Schmerzen spüren oder ob sie den Schmerz nur anders einordnen.

In der Praxis zeigt sich: Je regelmäßiger Sportler das Rollentraining machen, desto weniger schmerzhaft wird die Behandlung. Sie werden zunehmend beweglicher und bekommen ein verbessertes Körpergefühl durch die Anwendung der Rollen und Bälle.

Was hat es mit der 2/3-Schmerz-Regel auf sich? Dieser Grundsatz besagt, dass man, sobald man auf eine schmerzhafte Stelle trifft, zuerst abwarten muss, dass der Schmerz nachlässt, und zwar um mindestens zwei Drittel. Mit dem letzten Drittel Restschmerz kann man dann langsam weiterrollen. Im Grunde ist das eine praktische Tempobremse und soll sicherstellen, dass die Druckwirkung auch wirklich bis in die tieferen Gewebsschichten dringt und dort zu einem Loslassen führt.

Welche Probleme können beim BLACKROLL® -Training auftreten? Durch einen rollenähnlichen Druck kann man in vielen Fällen mit etwa 20 Kilogramm pro 10 Quadratzentimetern Blutergüsse und auch Besenreißer auslösen. Da Sie den Druck selbst regulieren können, ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass Sie so intensiv trainieren.

Wer sollte auf das Rollentraining besser verzichten? Oberflächliche Krampfadern stehen ganz oben auf der Liste der Kontraindikationen, gefolgt von Entzündungen, Osteoporose, Blutverdünnung und Schwangerschaft.

PRAXIS

Kann ich mir eine Rolle kaufen und gleich auf eigene Faust loslegen? Oder sollte ich mir die Übungen vorher zeigen lassen? Beides ist möglich. Sie können – wie bei vielen anderen Sportarten auch – einfach loslegen und erste Erfahrungen sammeln. Wenn Sie dann mit einem Experten sprechen, hören Sie aufmerksamer zu und stellen konkrete Fragen. Das Risiko, sich mit der Rolle oder mit dem Ball zu verletzen, ist ziemlich gering. Wichtig ist, dass Sie sich an Ihrem eigenen Schmerzempfinden orientieren und nicht über das „Wohlweh“ hinaus trainieren.

Wie trainiere ich am besten mit der Blackroll? Sie legen die Rolle unter das zu behandelnde Körperteil und versuchen, über diesem Druck zu entspannen, was je nach Körperregion eine schmerzhafte Herausforderung sein kann. Erst wenn die lokale Druckempfindung deutlich nachgelassen hat rollt man vorsichtig ein Stückchen weiter und wartet wieder die nachgebende Gewebereaktion ab. Direkt nach dem Rollen entlang der myofaszialen Funktionsketten ist gewöhnlich eine spontane Schmerzreduktion und eine Zunahme der Beweglichkeit spür- und messbar – oftmals auch an Strukturen, die aktuell gar nicht direkt behandelt wurden, sondern nur in einem Spannungszusammenhang mit dem bearbeiteten Gebiet stehen.

Wann sollte ich schnell rollen? Wann langsam? Ein sehr zügiges Arbeiten mit der Rolle ist in der Aufwärmphase bzw. vor einem Wettkampf angebracht, um damit das Gewebe tonisieren, Ihre Körperwahrnehmung steigern und die Durchblutung anzuregen.

Um die therapeutisch-positive Wirkung auszuschöpfen, sollten Sie betont langsam mit der Rolle arbeiten. Im Labor hat sich ein Zeitlupen-Tempo von etwa zwei bis drei em Zentimeter pro Minute als optimal herausgestellt. Dieses Schneckentempo ist natürlich nicht so einfach umsetzbar, als Grundregel gilt aber, dass man auf keinen Fall schneller rollen sollte, als das Gewebe nachgeben kann.

In welche Richtung soll ich rollen? Einige Experten meinen, dass man bei der Körperdiagnostik vorab genau bestimmen sollte, in welche Richtung man am besten rollen sollte. Grundlagenforscher wie Dr. Robert Schleip haben jedoch festgestellt, dass solche Verschiebungen nur einen vorübergehenden Einfluss haben. Wenn Sie also die Plantarfaszie von hinten nach vorn rollen, dann sind die einzelnen kollagenen Elemente innerhalb von wenigen Minuten wieder an der Stelle, an der sie vorher waren. Man verschiebt dann also nichts nachhaltig von A nach B, sodass die Richtung gar nicht so wichtig ist.

Wesentlich wichtiger ist die Rolle des Wassers, von dem wir beim Rollen 90 Prozent schwammartig auspressen – und das geht vorwiegend nicht entsprechend der Lymphrichtung, sondern entsprechend der Venen – also in alle Richtungen. Wegen dieses Schwammeffekts empfehlen wir das Rollen in verschiedenen Richtungen.

Welche Ausnahmen gibt es? Die Richtung könnte wichtig sein, wenn man entzündliche Botenstoffe in einem Bindegewebe hat und den Lymphfluss unterstützen möchte. Dann könnte es sinnvoller sein, in Richtung des Lymphflusses zu rollen.

Welche Körperteile sollte ich beim Rollen aktivieren? Anfangs können Sie intuitiv vorgehen und sich später von einem Faszientrainer zeigen lassen, was Sie noch alles mit der Rolle machen können. So bekommen Sie neue Ideen zum Trainieren, und das fühlt sich dann noch mal ganz anders an.

Wie oft empfehlen Sie die Anwendung der Rolle? Wahrscheinlich genügen wenige Minuten am Tag, denn neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Zellen nach fünf Minuten abschalten. Sie rollen also an einer Körperregion fünf Minuten und gehen dann zu einer anderen Region über. Wenn Sie altes kollagenes Gewebe abbauen wollen, empfehlen wir tägliches Rollen. Wenn Sie aber Ihr Kollagen festigen wollen, sollten Sie nur alle zwei Tage rollen, denn am zweiten Tag ist die Müllabfuhr schon wieder erlahmt, und der Kollagenaufbau ist dran. Wollen Sie das Bindegewebe weicher machen und lösen, dann empfiehlt sich das tägliche Rollen – aber nur sehr langsam. Wenn Sie das Bindegewebe straffen und kräftigen wollen, dann empfehlen wir eher herzhafte Rollbewegungen, aber das nur alle zwei Tage.

Muss ich mich weiterhin dehnen? Oder kann ich die Dehnübungen durchs Rollentraining ersetzen? Das Rollen kann die Dehnübungen ergänzen und teilweise sogar ersetzen. Ganz gleich ob fünf Minuten rollen oder fünf Minuten dehnen – beides kann einen sehr ähnlichen Effekt haben. Das wurde schon für die Oberschenkelrückseite gezeigt. Was man aber auch feststellen muss: Das Rollen ist sicherlich nicht für jeden geeignet, um die Beweglichkeit zu fördern, weil man eine gewisse körperliche Konstitution haben muss, um sich überhaupt auf einer Faszienrolle bewegen zu können.